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Grußwort auf der Fachtagung „Frauen, Flucht und Sucht“, Potsdam, 7.12.2017

Sehr geehrte Anwesende,

Was macht Krieg mit den Menschen, die ihn aushalten mussten?
Wie wirkt das Erlebte im Hier und Jetzt?
Wie gehen geflüchtete Menschen mit erlebter Gewalt, Entwurzelung und Migration um?
Was passiert, wenn Vergangenheit und Fragen nach der -oft ungewissen- Zukunft mit der neuen und ungewohnten Situation in Deutschland zusammenprallen?
Fakt ist, dass sich die Geflüchteten in einer Ausnahmesituation befinden. Das ist eine Sondersituation, die oft als belastend wahrgenommen wird.
Und geflüchtete Frauen sind in besonderem Maße belastet:
Sie haben sexualisierte Gewalt in Heimat und/ oder auf Flucht erfahren. Auch Genitalverstümmelung zählt dazu.
Sie tragen oft allein Verantwortung für ihre mitreisenden Kinder und Angehörigen
Sie haben häufig keine oder nur eine geringe Schulbildung. Sie sind nicht selten Analphabetinnen.
Sie unterliegen traditionellen Rollenbildern mit starken Abhängigkeiten.
Verschärfend wirkt, wenn geflüchtete Menschen in Gemeinschaftsunterkünften zusammenleben. Da kommt Vieles zusammen:

  • traumatische Erfahrungen
  • Unsicherheit über Aufenthaltsstatus und Zukunft
  • fehlende Privatsphäre
  • ein ungeregelter Alltag

In dieser Situation sind Konflikte vorprogrammiert, d.h. es kommt ggf. zu weiteren Gewalterfahrungen. All das bringt das Risiko mit sich, legale oder illegale Substanzen zu konsumieren und davon abhängig zu werden oder nicht-behandelte Süchte oder nicht-erkannte Süchte zu verstärken.

Wegen dieser besonderen Situation, nämlich der besonderen Abhängigkeitsverhältnisse und der fast flächendeckenden Gewalterfahrungen gilt das natürlich insbesondere für geflüchtete Frauen.

Was ist nun wichtig? Was kann helfen?

Ich denke, das ist ein Mix aus verschiedenen Komponenten:

  • guter Präventionsarbeit
  • Aufklärung, Information, Transparenz, Sichtbarmachen von Abhängigkeiten und Zusammenhängen
  • tragfähiger Netzwerke
  • Frauen müssen befähigt werden, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen
  • Ein Höchstmaß an Stabilität
  • guter und wirksamer Gewaltschutz

Vieles passiert schon im Land Brandenburg. Der AK Frauen und Sucht arbeitet sehr engagiert seit vielen Jahren, dafür ein großer Dank an Frau Arndt-Ickert!

Das zeigt: Die Geschlechterperspektive in der Suchtarbeit hat hierzulande schon Tradition, auch die besondere Einbeziehung spezifischer Zielgruppen. Denn auch bei geflüchteten Frauen sind spezielle Strategien notwendig, zumindest spezielles Wissen.

Geflüchtete und Sucht sind schon eine sehr spezifische Kombination, aber die Geschlechterperspektive stößt noch einmal zusätzlich ein neues Fenster auf. Sie macht Dinge sichtbar, die vorher verborgen waren und macht Zusammenhänge deutlich. Dadurch eröffnet sie neue Präventions- und Therapiemöglichkeiten.

Das brandenburgische Gesundheitsministerium engagiert sich besonders, wenn es um Schnittstellen der Suchtproblematik geht. Deshalb fördert es u.a. auch den heutigen Fachtag.

Mitte des Jahres hat ein Fachaustausch zum Thema Flucht und Sucht stattgefunden. Er wurde gemeinsam durchgeführt mit der Landesintegrationsbeauftragten und Landesstelle für Suchtfragen. Er zeigte, dass es zum Thema Flucht und Sucht (noch) keinen festen Wissensbestand gibt. Suchtprobleme im Sinne einer krankhaften Abhängigkeit von Substanzen kommen bislang kaum vor. Bekannt ist aber, dass es in kleinem Umfang Probleme mit dem Rauschtrinken gibt, was möglicherweise auch durch Langeweile forciert wird. Und bekannt ist, dass der Konsum von psychoaktiven Substanzen mitunter Teil der Kultur ist (wie in unseren Breiten Alkohol und Tabak). Fest steht: weder für Prävention noch für die Behandlung von Suchtkrankheiten reicht der Verweis auf Enthaltsamkeit. Auf Sichtbarmachen und Gewahrwerden muss die Ursachenbekämpfung folgen.

Frauen wie Männer sind nicht einfach Opfer von Alkohol, illegalen Drogen etc. Sie entscheiden sich auch dafür. Sicherlich auch aus Not heraus, wenn Substanzen Linderung verheißen. Aber das erklärt nicht alles.

Suchtprävention und Suchthilfe sind dann erfolgreich und wirksam, wenn Menschen als Handelnde verstanden werden. So gehört zum Leitbild der Suchtprävention im Land Brandenburg, dass die Lebenswelt der Menschen beachtet und geachtet werden muss. Die Lebenswelt ist der Bereich, in dem Frauen und Männer Einfluss nehmen können, in dem sie selbst (mit-)bestimmen können und in dem sie die sozialen, materiellen und kulturellen Bedingungen verstehen können. Eine Lebenswelt ist nie geschlechtsneutral!

Wenn Sie mit diesen Überlegungen auf das Programm der Fachtagung schauen, stellen sich neue Fragen:

  • Beachten wir die Sicht der Frauen genügend, so wie sie sich selbst sehen?#
  • Nehmen wir vielleicht zu sehr eine Defizitperspektive ein, d.h. wir unterstellen Defizite bei den Frauen, die Substanzen konsumieren?
  • Sind Frauen, die es nach Deutschland zu uns geschafft haben, vielleicht auch besonders kraftvolle Personen?
  • Was wissen wir und wie erfahren wir mehr über die Stärke der Frauen?

Ein paar Antworten erhalten wir aus der „Study on Female Refugees“. Hier wurden 639 geflüchtete Frauen in 5 Bundesländern befragt. Der Abschlussbericht zur Studie zeigt:

  • alle Frauen haben traumatische Erlebnisse wie Vergewaltigung, Verbrechen oder Zerstörung gesehen oder selbst seit frühestem Kindesalter erlebt
  • in Deutschland wirken bestimmte Faktoren deutlich negativ auf psychische Störungen, Lebensqualität und körperliche Gesundheit
  • solche Stressfaktoren sind:
  • Unsicherheit,
  • Diskriminierung,
  • Übergriffe in Unterkünften, fehlende Schutzräume, mangelnde Privatsphäre
  • mangelnde finanzielle Mittel,
  • eingeschränkte Mobilität,
  • fehlende Sprachkenntnisse, damit verbunden auch Isolation.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis:

  • Frauen haben eine besondere psychische Belastung.
  • Frauen erfragen und erhalten wegen fehlender Sprachkenntnisse weniger Hilfe.
  • Geschlechtsspezifische Probleme und Bedürfnisse werden nicht artikuliert.
  • Zahlreiche Frauen haben suizidale Gedanken.

Folgende Empfehlungen werden gegeben:

  • Die Unabhängigkeit der geflüchteten Frauen ist immens wichtig.
  • Zugangswege zu medizinischer und psychologischer Behandlung müssen erschlossen werden.
  • Es wird die Einrichtung von Ombudsstellen empfohlen, an die sich geflüchtete Frauen wenden können.

Aus meiner Sicht sind zwei Strategien unverzichtbar:

  • Empowerment als Teil der Integrationsarbeit und Gewaltpräventionsarbeit. Auch als Teil der Suchtpräventionsarbeit bzw. bei der Behandlung von Suchterkrankungen.
  • Eine sehr gute Vernetzung regionaler, überregionaler, landesweiter und bundesweiter Akteur_innen auf diesem Gebiet.
  • Geflüchtete Frauen müssen dazu befähigt werden, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Dazu haben wir in Brandenburg Strukturen geschaffen:
  • Die Unterarbeitsgruppe (UAG) Flüchtlingsfrauen als Vernetzungs- und Informationsgremium. Sie wurde Ende 2015 als UAG des Landesintegrationsbeirates gegründet. Das ist ein breit aufgestellter Expert_innenkreis für Fragen rund um geflüchtete Frauen in Brandenburg. Es geht thematisch um Gewaltschutz, Gesundheit, Integration, usw.

„Highlights“ aus der bisherigen Arbeit sind:

  • die Handreichung zum Gewaltschutz für Flüchtlingsfrauen in Unterkünften, einschließlich einer Checkliste. Eine große Fachkonferenz am 15.11.2016 zum Thema Gewaltschutz für geflüchtete Frauen. Die Erarbeitung einer Themenliste für die UAG Migration und Gesundheit. Ein breiter Austausch zum Thema Sprachmittlung mit der Erarbeitung von Empfehlungen. Morgen wird übrigens die Regionalkonferenz der "Initiative zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften" in Kooperation mit dem BMFSFJ und UNICEF in Potsdam stattfinden, ich lade Sie herzlich ein!
  • Die Etablierung der bundesweit einzigen Landeskoordinierungsstelle Gewaltschutz für geflüchtete Frauen. Das ist ein wichtiger Aspekt: Das Empowerment für geflüchtete Frauen, auch unter Selbstschutzaspekten.
  • viel Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit, z.B. über Projektförderung und Informationsmaterial.

Zusammenfassend lässt sich sagen: geflüchtete Frauen haben oft schier Unglaubliches durchgemacht. Sie brauchen unsere Unterstützung, um gut ankommen zu können. Dazu gehört, sie in den Blick zu nehmen und stark zu machen, um ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. Damit das gelingen kann, müssen wir ihre Bedürfnisse erkennen, schützen und ihnen bei der Integration in unsere Gesellschaft helfen. Wir müssen uns um ihre Nöte und ihre Gesundheit kümmern. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe! Aber sie lohnt sich, denn geflüchtete Frauen sind hier sehr willkommen, sie sind eine Chance für unser Land!

Ich bin froh über den geschlechtssensiblen Ansatz heute. Es wird Zeit, dass die besondere Situation geflüchteter Frauen anerkannt und ganz praktisch berücksichtigt wird. Ich bin auch stolz, dass ausgerechnet Brandenburg sich darum kümmert und Vorreiter gegenüber anderen Bundesländern ist - herzlichen Dank noch einmal an die Organisatorinnen! In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine spannende und anregende Veranstaltung, vielen Dank!