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Veranstaltung „Vielfalt ermöglichen für Jungen und Männer in Brandenburg“ , 17. Oktober 2017

Sehr geehrter Herr Dr. Schölper,
sehr geehrte Frau Grass,
sehr geehrter Herr Donath,
sehr geehrte Frau Möller,
liebe Teilnehmende,

herzlich willkommen zur heutigen Veranstaltung! Ich freue mich riesig, dass Sie hier sind!

Das zeigt mir, dass wir richtig lagen mit der Annahme, es bestünde Bedarf, über die Auswirkungen von Rollenbildern auf Jungen und Männer zu sprechen. Übrigens beteiligen Sie sich heute an der ersten Veranstaltung dieser Art in Brandenburg und ich freue mich sehr über Ihr Interesse!

Außerdem freue ich mich, dass wir Herrn Dr. Dag Schölper vom Bundesforum Männer für den Input gewinnen konnten. Und ich freue mich außerdem, dass wir für unsere inhaltliche Arbeit an den Thementischen Expertinnen und Experten aus der Praxis gewinnen konnten.

Frau Dr. Cirulies wird sie nachher noch vorstellen - sie wird durch die heutige Veranstaltung führen. Sie ist Dipl. Andragogin im Bereich Bildungsmanagement und -forschung mit einem großen Erfahrungsschatz. Sie arbeitet als Trainerin, Beraterin und Teamguide und ist auch als Moderatorin tätig. Ich verbinde mit ihr ein ausgesprochen professionelles und hervorragendes Wirken. Ich freue mich, sie heute wieder erleben zu dürfen. Herzlich Willkommen auch Ihnen!

„Vielfalt ermöglichen für Jungen und Männer in Brandenburg“ - erstmalig in Brandenburg beschäftigen wir uns heute exklusiv mit den Auswirkungen von Rollenbildern auf Jungen und Männer. Als Landesgleichstellungsbeauftragte bin ich davon überzeugt, dass Gleichstellungspolitik alle Geschlechter in den Blick nehmen muss. So ist es übrigens auch im Leitbild für ein geschlechtergerechtes Brandenburg und im Gleichstellungspolitischen Rahmenprogramm der Landesregierung angelegt - und auch meine Aufgabe als Landesgleichstellungsbeauftragte verstehe ich so übergreifend. Eine Grundlage für die heutige Veranstaltung bietet das Gleichstellungspolitische Rahmenprogramm im Land Brandenburg z.B. unter Ziel 1 „Typisch Frau- Typisch Mann!? Rollenbilder verändern und Vielfalt ermöglichen“.

Ein besonderer Blick gilt in der Gleichstellungspolitik traditionell und vollkommen  berechtigt Frauen, denn bei ihnen geht es leider noch häufig ganz existenziell um Schutz vor lebensbedrohender Gewalt, um Sexismus oder eine unabhängige Existenzsicherung  durch gute Arbeit und Rente - und hier ist auch heute noch viel zu tun!

Aber traditionelle Rollenbilder existieren ebenso für Männer - nur so funktioniert die  Zweigeschlechtlichkeit. Und wir werden sehen, dass diese Erwartungen Jungen und Männer ebenso einschränken, belasten und negative Auswirkungen haben. Negative Auswirkungen im Wechselspiel auch auf die Lebensumstände von Frauen und auf alle, die sich  außerhalb der Zweigeschlechtlichkeit bewegen.

Vielleicht muss ich es nicht extra dazu sagen, aber zur Klarstellung: Maskulinisten, die  Rollenbilder verstärken mit all den bekannten Nachteilen, werden uns nicht weiterbringen. Die Argumente der angry white men sind nicht Teil fortschrittlicher Gesellschaftspolitik – im Gegenteil. Aber woher kommt dieser Hass? Das wiederum hat möglicherweise doch wieder etwas mit Rollenerwartungen zu tun.

In einem Buch, das im März auf der Buchmesse präsentiert wurde, geht es um die “toxische Männlichkeit” - genau darüber wollen wir heute sprechen.

Und wie ist die Situation in Brandenburg? Es ist klar: Sowohl unter Frauen, als auch unter Männern gibt es eine große Vielfalt. Es gibt weder die „eine, die typische“ Frau, noch „den einen, den typischen“ Mann. Trotzdem werden wir alle ständig mit Rollenbildern und damit verbundenen Erwartungen konfrontiert, und weichen wir davon ab, reagiert die Umwelt irritiert und wir werden mindestens darauf angesprochen - Beispiele dafür können sicher viele von uns aufzählen.

Und wenn es nicht uns selbst trifft, dann Kinder, die ihre angebliche Geschlechterrolle noch nicht gelernt haben - da wird dann mit Gender Marketing nachgeholfen, und alle machen mit.

Damit kommen wir zu wichtigen Fragen:

  • In welchen Bereichen besteht besonderer Anpassungsdruck an Geschlechterrollen?
  • Welche Folgen hat das?
  • Wie können wir diesen Druck reduzieren und für Vielfalt werben?

Ich möchte Herrn Dr. Schölper und den Diskussionen heute Nachmittag nicht vorgreifen - aber vielleicht behalten Sie die Fragen schon einmal im Hinterkopf?

Ich glaube, es ist schon viel in Bewegung: Rollenbilder werden als solche wahrgenommen und Abweichungen immer öfter akzeptiert. Viele Frauen und Männer definieren ihren Rollen neu. Aber wir wissen von den Frauen, nach jahrzehntelangen Emanzipationsbestrebungen, wie dauerhaft solche Klischees sind und wie schwierig die Folgen zu bekämpfen sind. Vielleicht sind wir an einem Punkt, an dem wir alle Geschlechter in den Blick nehmen müssen, um das gesamte System in Bewegung zu bringen: weniger Rollendruck auf Männer könnte auch positiv auf Frauen wirken. Und Rollenbilder haben Auswirkungen auf ALLE Lebensbereiche.

Ganz konkret wird das im Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, der kürzlich  erschien: Sorgearbeit solle zwischen Geschlechtern gleichmäßiger verteilt werden, um die Gleichstellung insgesamt voranzubringen. Aber mit Aushandlungsprozessen in der Familie ist es nicht getan - das greift meines Erachtens viel zu kurz. Viel zu sehr entscheiden strukturelle und finanzielle Voraussetzungen und auch gesetzliche Rahmenbedingungen über Aufgabenverteilungen von Männern und Frauen.

Trotzdem ist einiges in Bewegung, z.B.:

  • wollen immer mehr Männer mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen, immer mehr Männer nehmen Elternzeit. So gehören Väter in Potsdam bundesweit sogar zu Spitzenreitern: fast 49 % der Neugeborenen haben hier einen Vater in Elternzeit. Aber meist nehmen Väter nur die zwei sogenannten           „Partnermonate“
  • immer mehr Männer entscheiden sich für sogenannte „frauentypische Berufe“, z.B. als Erzieher in den Kitas. So stieg der Anteil der Männer von 3 % im Jahr 2007 auf 5 % im Jahr 2015 – in Brandenburg beträgt er 6 %. Sie sehen: Bewegung auf niedrigstem Niveau.

Männer sehen sich aber auch unter Veränderungsdruck und sind mit sich wandelnden Rollenerwartungen konfrontiert. „Jungen und Männer im Spagat: Zwischen Rollenbildern und Alltagspraxis”, so ist dementsprechend ein Bericht des Familienministeriums überschrieben. “Ab wann ist der Mann ein Mann?” Was erwarten Frauen, Partnerinnen, mögliche Partnerinnen? Können sie damit leben, wenn der Mann weniger Geld verdient, das Baby wickelt, wenn er jünger und kleiner als die Frau ist?

Ein Blick in die Statistik zeigt: traditionelle Rollenbilder und ihre Folgen halten sich in weiten Bereichen ziemlich hartnäckig. Zum Beispiel sind Männer noch immer unterrepräsentiert in der Erziehungs- und Sorgearbeit in der Familie, bei Teilzeitbeschäftigungen, frühkindlicher Erziehung und Bildung und im Pflegebereich. Dagegen sind sie überrepräsentiert in Führungsetagen, in Gefängnissen und Suchtberatungen und in Fitnessstudios. Sie fahren größere Autos und sind häufiger Analphabeten. Jungen gehen fast nie im Kleid in die Kita und besuchen seltener Tanzkurse. Männer gehen seltener zum Arzt. Der übergroße Anteil häuslicher Gewalt geht auf ihr Konto. Insgesamt sind fast alle Täter und Opfer von Gewalt Männer. Sie haben eine geringere Lebenserwartung. Welche dieser Fakten können durch eine Aufweichung von Rollenbildern verändert werden und wie schaffen wir das?

Eine Untersuchung des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2016 mit dem Titel „Männerperspektiven - Auf dem Weg zu mehr Gleichstellung“ zeigt, dass Männer zwar zunehmend Interesse am Thema Gleichstellung haben und eine mehrheitliche Wertschätzung für dieses Thema entwickeln. Männer wie der kanadische Präsident Trudeau bezeichnen sich sogar als Feministen (Dazu kann ich Ihnen leider kein brandenburgisches Beispiel nennen - oder ist einer unter Ihnen?)

Gleichzeitig verharren die befragten Männer in verbalen und verhaltenspraktischen Widerständen gegen Gleichstellung. Das zeigt ganz deutlich den Konflikt.

Dabei besteht in diesem Thema eine großartige Chance! Für Männer, für Frauen, für alle, die sich nicht zuordnen wollen - das könnte eine reale Möglichkeit sein! Für Unternehmen, für Schulen, für die Gesellschaft als Ganzes. Rollenbilder schränken ein, verschenken Potenziale und Kreativität und behindern damit Einzelne genauso wie eine moderne Gesellschaft.

Mit der heutigen Veranstaltung wollen wir in diesem Bereich Impulse setzen, Arbeitsfelder identifizieren und Vernetzungen befördern. In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine gelungene Veranstaltung mit interessanten und ergebnisreichen Diskussionen. Ich bin sehr gespannt! Die Ergebnisse fließen in die weitere Gleichstellungsarbeit im Land Brandenburg ein. Lassen Sie uns aufbrechen - hin zu einer Gesellschaft fairer Chancen für alle Geschlechter!

Vielen Dank!