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07.04.2014Baaske zu Brandenburger Fachkräftestudie Pflege: „Jetzt handeln – Pflegenotstand verhindern“ | 034/2014

Brandenburgs Sozialminister Günter Baaske hat zu einem „Aufbruch in der Pflegepolitik“ aufgerufen. Bei der heutigen Vorstellung einer Broschüre zur „Brandenburger Fachkräftestudie Pflege“ sagte er: „Wir alle kennen die großen Herausforderungen in der Pflege. Wir müssen jetzt die Weichen richtig stellen, dann haben wir gute Chancen, dass es auch in Zukunft in Brandenburg eine gute und finanzierbare Pflege gibt. Die ´Pflege-Dialoge`, die wir im ganzen Land führen, zeigen mir, dass bei allen Beteiligten große Bereitschaft besteht, gemeinsam aktiv zu werden.“ Im Vordergrund stehen für ihn Pflegevermeidung, die Unterstützung pflegender Angehöriger, die Stärkung der Kommunen für eine ´Pflege im Quartier` und die Fachkräftesicherung.

In diesen Positionen wird Baaske von Professor Dr. Johann Behrens von der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg unterstützt. Er hat mit seinem Team des Instituts für Gesundheits- und Pflegewirtschaft die 380 Seiten starke Studie erstellt, die aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert wurde. Die Ergebnisse werden am Donnerstag (10. April) auf einer Tagung mit etwa 170 Teilnehmenden in Potsdam-Hermannswerder diskutiert. Dabei wird Ministerpräsident Dietmar Woidke zu den Themen Vorsorgender Sozialstaat und Demografischer Wandel sprechen.

Einbezogen waren ein Begleitausschuss und weitere Expertinnen und Experten, die sich in Feldstudien auch mit konkreten lokalen Situationen in Cottbus, Hennigsdorf, Umkreis Oranienburg und Uckermark beschäftigten. Die Studie stellt sieben Handlungsfelder dar, in denen die pflegerische Versorgung und die Fachkräftesicherung in der Pflege zukunftssicher gestaltet werden soll. (siehe Handlungsfelder im Anhang).

Bei unveränderten Rahmenbedingungen steigt die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Brandenburg von aktuell knapp 96.000 bis zum Jahr 2030 um knapp 70 Prozent auf etwa 162.000. Daraus würde sich ein erheblicher Bedarf an Pflegepersonal ergeben: Bei den ambulanten Dienste von derzeit 12.500 Beschäftigten auf 21.000, in der stationären Versorgung von 16.400 auf über 33.000. Das ist eine Zunahme von über 86 Prozent.

Günter Baaske: „Die Pflegestudie zeigt eindeutig: ´Weiter so` geht nicht. Die Szenarien zeigen, dass – wenn alles so weiter läuft – jährlich etwa 200 Millionen Euro zusätzliche Sozialhilfe erforderlich werden. Daher ist jeder Euro, den wir heute für wirksame Strukturen für eine vorsorgende Pflegepolitik ausgeben, eine auch fiskalisch notwendige und sinnvolle Investition in die Zukunft. Wenn es uns gelingt – bezogen auf das Jahr 2030 – nur 15 Prozent der erwarteten Kostensteigerungen durch gestaltende und präventive Maßnahmen abzuwenden, müssten wir gegenüber einem „Weiter so“ über 30 Millionen Euro weniger aufwenden.

Notwendig ist ein pflegepolitischer Aufbruch. Ein wichtiges Handlungsfeld ist die Vermeidung von Pflegebedürftigkeit. Unsere Gesellschaft muss noch viel stärker auf das aktive Altern ausgerichtet werden. Wer länger fit und vital bleibt, bei dem sinkt deutlich das Risiko, ein Pflegefall zu werden.

Wir brauchen pflegevermeidende Unterstützungsstrukturen vor Ort in den Städten und Dörfern. Die Kommunen sollen Pflege steuern und brauchen dazu natürlich finanzielle Unterstützung. Zum Beispiel geht es um die Abstimmung, welche Dienste lokal ambulant versorgen, um Doppelstrukturen zu vermeiden. Wir brauchen barrierefreien Wohnraum und öffentlichen Nahverkehr, wohnortnahe Betreuungs- und Alltagsdienstleistungen, aber auch Orte der Begegnung für Seniorinnen und Senioren. Informationsangebote und Beratungsstrukturen, wie sie zum Beispiel die 19 Pflegestützpunkte leisten, müssen ausgebaut werden, zum Beispiel durch Außenstellen oder fahrende Infobüros.“

In Brandenburg werden 77 Prozent der pflegebedürftigen Menschen entweder von Angehörigen oder von ambulanten Pflegediensten in der eigenen Häuslichkeit betreut. Baaske: „Der Grundsatz ‚ambulant vor stationär‘ wird in Brandenburg erfolgreich umgesetzt. Um diesen bundesweiten Spitzenwert weiterhin halten zu können, brauchen wir mehr niedrigschwellige Entlastungsangebote. An Bedeutung gewinnen wird auch eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und der Pflege von Angehörigen.“

Weniger als ein Drittel der Beschäftigten in den Pflegeeinrichtungen haben eine Vollzeitstelle. Baaske: „Eine höhere Vollzeitquote ist ein wichtiger Beitrag zur Lösung der Fachkräfteproblematik. Und viele Pflegekräfte wollen ganztags arbeiten, bekommen aber keine entsprechende Stelle. Pflegekräfte müssen für ihre wertvolle und anstrengende Arbeit auch gut verdienen. Ein allgemeinverbindlicher Tarifvertrag für die gesamte Pflegebranche ist notwendig. Die aktuellen Gespräche hierzu verlaufen in Brandenburg konstruktiv, aber nicht immer einfach. Für die Gewinnung von jungen Nachwuchskräften ist es entscheidend, dass es Klarheit über die Verdienstmöglichkeiten in der Pflegebranche gibt.“

Er versichert, dass Brandenburg an den Altenpflegeschulen ausreichend Plätze anbietet: „Wenn mehr Interessenten kommen, bauen wir das System gerne aus.“ Derzeit lernen an den 16 Schulen etwa 1.700 Frauen und Männer Altenpflegeberufe. Zugleich unterstützt er das Vorhaben der Bundesregierung, die Ausbildungen in der Alten- und Krankenpflege, die bisher strikt getrennt sind, in einer gemeinsamen Ausbildung zusammenzuführen.

Zur Vorstellung der Kurzfassung der Studie sagte Professor Dr. Johann Behrens: „Die Verlängerung der Lebenserwartung ist die Erfüllung eines Menschheitstraums. Damit die Älteren ihn in selbstbestimmter Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verwirklichen können, ist eine rein verrichtungsorientierte Fachpflege nie ausreichend. Vielmehr bedarf es der Prävention und Rehabilitation, vor allem aber der Familienangehörigen und „Wahlverwandten“, also der Freunde und Nachbarn, der bürgerschaftlich Engagierten und der Gemeinden. Ohne sie geht es nicht.

Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Bereitschaft zu familiärem, aber vor allem auch nachbarschaftlichem und bürgerschaftlichem Engagement riesig ist, besonders unter den Älteren. Sie brauchen aber Unterstützung, um nicht auszubrennen. Diese Unterstützung ist auch eine Aufgabe der Fachpflege. Wie die Hebammen die Mütter nicht ersetzen, sondern unterstützen sollen, so muss es Aufgabe der Fachpflege werden, die Familienangehörigen und Wahlverwandten, die Nachbarn und bürgerschaftlich Engagierten zu unterstützen, nicht zu ersetzen.

Unsere gemeinsame Studie zeigt mir, dass dazu eine Rückkehr der in ihrer Arbeit gewürdigten Fachpflege in die Gemeinde und ins Quartier, in die Nachbarschaften und in die Vereine unverzichtbar ist. Eine für einzelne kompensatorische Verrichtungen bezahlte Fachpflege wird es nicht schaffen.

Die Herausforderungen für Brandenburg sind international nicht größer als für andere Länder. In Brandenburg müssen keine „Isolation“-Zuschläge für Fachpflegende bezahlt werden wie im viel dünner besiedelten Norden Kanadas, das im Rahmen des Projekts betrachtet wurde. Allerdings können wir von Kanada lernen, dass Fachpflege sich an den Sozialräumen individueller Pflegebedürftiger orientiert, also an Gemeinden und Quartieren (deswegen heißt sie „community health nursing“ und „public health nursing“) - und gesellschaftlich hoch anerkannt, hoch reflektiert und relativ gut bezahlt ist. Ohne diese Zusammenarbeit von Gemeinde, Nachbarschaft, Quartier und Fachpflege werden wir es auch in Brandenburg nicht schaffen.“ 

Die Studie kann auf der Internetseite des Sozialministeriums www.masf.brandenburg.de unter „Soziales – Pflege“ heruntergeladen werden. Dort kann auch die Kurzfassung bestellt werden.

Anhang: Die 7 Handlungsfelder

 

In der Studie werden sieben Handlungsfelder dargestellt. Aufgrund der inhaltlichen Wechselwirkungen zwischen den Handlungsfeldern wäre eine trennscharfe Zuordnung nicht sachgerecht gewesen, vielmehr greifen die Handlungsfelder bewusst ineinander.

 

  • In Handlungsfeld 1 geht es um pflegevermeidende Maßnahmen (Vorsorge, Prävention und Rehabilitation vor als auch in der Pflege). Es besteht z.B. ein Zusammenhang zwischen Pflegenotwendigkeit und sozialem Status, woraus sich der Bedarf an differenzierten und niedrigschwelligen Zugangswegen ergibt.

  • In Handlungsfeld 2 werden alternsgerechter Wohnraum, der Ausbau wohnortnaher Infrastrukturen, der Einsatz von Technologien sowie Formen barrierefreier Architektur und Modelle des alternsgerechten Wohnens behandelt. Hier besteht Handlungsbedarf in der Nutzerfreundlichkeit und im Anlernen von unterstützender Technik und in der Entwicklung von Organisationsformen des Wohnens im Alter (z.B. Seniorenwohngemeinschaften).

  • In Handlungsfeld 3 werden Prinzipien und Bedingungen gemischter Pflegearrangements im Sinne eines „Wohlfahrtmix“ beschrieben, bei denen sich die verschiedenen Akteure die Aufgaben und Verantwortungen der Pflege teilen. Erforderlich sind Kooperationen auf unterschiedlichen Ebenen innerhalb des Systems „Pflege“ aber auch zu Unterstützungsstrukturen im Vor- und Umfeld sowie zu angrenzenden Versorgungssystemen wie dem der gesundheitlichen Versorgung.

  • In Handlungsfeld 4 geht es um Spezialisierungen von Angeboten der professionellen Pflegedienstleister, insbesondere in der Tages- und Verhinderungspflege. Es zeigt sich, dass Unterstützung und Anreize für eine Angebotsdifferenzierung notwendig sind. Darüber hinaus wird dargelegt, dass Möglichkeiten zu einem betriebsübergreifenden Einsatz spezialisierter Kräfte geschaffen werden müssen.

  •  In Handlungsfeld 5 werden die Potentiale und Bedeutung der (kontinuierlichen) Beratung von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen herausgearbeitet. Hierfür soll die aufsuchende Beratung der Empfängerinnen und Empfänger von Pflegegeld weiterentwickelt werden. Die Pflegestützpunkte als gut etablierte Beratungsstruktur sollen verstärkt werden. Es wird auch untersucht, wie die Schnittstelle und Beziehung zwischen Pflegesystem und Hausärzten neu justiert werden kann einschließlich der hierfür erforderlichen Anpassungen in der Berufsausbildung der Pflegefachkräfte.

  • Das Handlungsfeld 6 beleuchtet die ambulanten Versorgungsstrukturen im ländlichen Raum. Insbesondere dort dürfen Gesundheits- und pflegerische Versorgung nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Die Brandenburger Charakteristika – Ballungsgebiete und ländlicher Raum – müssen bei den integrierten Versorgungskonzepten ebenso berücksichtigt werden wie Aspekte der Versorgungsdichte, unterschiedliche Lebenslagen und Bevölkerungsgruppen.

  • In Handlungsfeld 7 werden die Qualifikationsbedarfe in der Langzeitversorgung sowie bisherige Handlungskonzepte zur Fachkräftesicherung untersucht. Wie sich herausgestellt hat, sehen sich nicht alle Betriebe in der Lage, die personalpolitischen und organisatorischen Voraussetzungen zu schaffen, um den qualitativen und quantitativen Herausforderungen gerecht zu werden. Konzepte und Aspekte wie z.B. betriebsübergreifender Fachkräfteeinsatz, die Ausdifferenzierung der Qualifikationsniveaus des Pflegepersonals, alternsgerechte Beschäftigungsformen, lokale Vernetzung und der gezielte und organisierte Einbezug des zivilgesellschaftlichen Umfeldes werden behandelt. Damit die Pflegebranche in Konkurrenz zu anderen Wirtschaftszweigen hinreichend attraktiv ist, bedarf es guter Arbeitsbedingungen und damit auch einer adäquaten Entlohnung.

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